MÜNCHEN, 6. August 2026. Adjuvanto hat mit 68 Praktikern aus der Trade Compliance gesprochen, quer über Chemie, Energie, Fertigung, Telekommunikation, Luftfahrt, Verpackung, Logistik, Technologie und weitere Branchen. Ziel war zu verstehen, wie Sanktionslistenprüfung in der Praxis abläuft. Ein Muster kehrte immer wieder: Ein Großteil der Arbeit setzt erst ein, nachdem das System einen möglichen Treffer meldet.
Screening-Software gleicht Kunden, Lieferanten und weitere Geschäftspartner schnell gegen Sanktionslisten ab. Doch danach muss jemand klären, ob es sich um dieselbe Entität handelt, welche Liste greift, ob eine Beschränkung das Geschäft überhaupt berührt, und die Entscheidung dokumentieren.
False Positives kosten weiterhin Expertenzeit
Bei einem Energieunternehmen führten rund 1.200 Einzelprüfungen zu etwa 150 False Positives pro Prüfzyklus. Jeder davon kostet rund 20 Minuten, zusammen etwa 50 Stunden manuelle Prüfung pro Zyklus.
Bei einem Telekommunikationskonzern arbeiten zwei Personen in Vollzeit daran, False Positives freizugeben. Bei einem global tätigen Hersteller wurden monatlich 2.000 bis 2.500 Bestellungen blockiert und mussten manuell geprüft werden. Die erste Prüfstufe kostete rund fünf Minuten, eskalierte Fälle in der Trade Compliance bis zu einer Stunde.
Bei einem Chemieunternehmen kostete schon ein einfacher False Positive mindestens 30 Minuten. Komplexe Fälle zogen sich über Tage und verlangten mitunter externe anwaltliche Beratung.
Tuning hilft. Bessere Daten, bessere Matching-Logik und angepasste Systemeinstellungen senken die Zahl der False Positives. Doch auch bei weniger Treffern bleibt für jeden verbleibenden Fall dieselbe Arbeit: prüfen und dokumentieren.
Nach dem Treffer beginnen die Browser-Tabs
Ein erfahrener Praktiker beschrieb genau diesen Weg: mehrere Suchmaschinen (Google, Yandex, Baidu), sein berufliches Netzwerk und eine eigene Liste von 30 bis 40 öffentlichen Handelsregistern, um unklare Treffer aufzulösen.
Bei einem Luftfahrt-Distributor dauerte eine typische Untersuchung ein bis zwei Stunden pro Geschäftspartner. Das Team prüfte Websites, amtliche Registereinträge, Adressen und Online-Karten. Bei einem Verpackungsunternehmen wurden Sanktionsfunde ein zweites Mal manuell gegen amtliche Quellen abgeglichen. Die relevanten Seiten wurden als Screenshot gesichert und als Nachweis ins interne System geladen.
Hier findet die eigentliche Sorgfaltsprüfung statt. Einen Registereintrag prüfen, eine Adresse auf der Karte bestätigen, aktuelle Presseberichte lesen, nachsehen, mit wem ein Unternehmen handelt und wohin: Erst diese Schritte machen aus einem Treffer eine belastbare Entscheidung, und genau diese Schritte legen auch Umgehungsrisiken offen. Nur laufen sie außerhalb des Compliance-Systems ab, von Hand, und ihre Qualität hängt davon ab, wie viel Zeit der Analyst an diesem Tag hat. Ein Head of Compliance aus der maritimen Branche fasste die Wirkung auf ihr Team so zusammen: „Das ist reine Verschwendung von Denkleistung.“
Eigentümer, Geschäftsführung, Geografie: was ein Score nicht sieht
Eigentümerstrukturen, Organe und Sitz sind genau die Punkte, an denen ein Score-Wert allein nicht weiterführt. In schwierigen Fällen prüfen Teams Standort, Rechtsform, Beteiligungsverhältnisse, Geschäftsführung, Geschäftstätigkeit und die konkrete Reichweite einer Sanktionsbeschränkung für das geplante Geschäft.
Unterschiedliche Schriftsysteme kommen hinzu. Ein Praktiker in einer Technologie-Forschungseinrichtung verglich englische und chinesische Namen von Hand und arbeitete sich durch Eigentümerstrukturen, um die richtige Entität zu bestimmen.
Ein hoher Namensabgleich zeigt ein mögliches Risiko an. Die geschäftliche Frage beantwortet er nicht: Dürfen wir mit diesem Geschäftspartner arbeiten?
Offen für KI, nicht bereit, die Kontrolle abzugeben
Die Offenheit für Automatisierung war hoch. Die Bedingung war überall dieselbe: Die Begründung muss sichtbar bleiben.
Gefragt nach dem automatischen Freigeben von Treffern unterhalb ihrer Prüfschwelle, sagte eine erfahrene Trade-Compliance-Praktikerin aus der Chemiebranche: „Wenn es nicht über 80 Prozent liegt, will ich es gar nicht sehen.“ Eine Compliance-Verantwortliche aus der Kosmetikbranche beschrieb ihr Wunschmodell mit rund 90 Prozent KI-gestützter Prüfung und 10 Prozent finaler menschlicher Kontrolle.
Andere waren zurückhaltender. Die Bedenken drehten sich um Genauigkeit, Verantwortung und die Frage, ob sich die Begründung hinter einer Empfehlung nachvollziehen lässt. Eine Botschaft kam immer wieder: Automatisierung soll wiederkehrende Arbeit abnehmen, ohne die Nachweise zu verbergen oder dem Compliance-Verantwortlichen die Kontrolle zu nehmen.
„Überzeugt hat uns nicht nur, was die Praktiker gesagt haben, sondern die Frustration, die in diesen Gesprächen spürbar war. Die vorhandenen Werkzeuge haben mit dem Tempo und der Komplexität der Veränderungen bei Sanktionen und Exportkontrolle schlicht nicht Schritt gehalten“, sagt Konrad Preuninger, CEO und Mitgründer von Adjuvanto. „Compliance-Verantwortliche verlassen ihre Screening-Tools, um die Arbeit zu Ende zu bringen. Sie springen zwischen Suchmaschinen, Handelsregistern, Karten und amtlichen Quellen, um zu einer einzigen Entscheidung zu kommen und sie zu belegen. Die Chance liegt darin, genau diese Browser-Arbeit auf einer Plattform zu erledigen, in großem Umfang und weltweit.“
Die nächste Chance liegt in der Trefferbearbeitung
Die Trefferbearbeitung, das, was wir Sanctions Resolution nennen, bleibt auch dort offen, wo das Screening längst gut läuft. In die Untersuchung flossen auch Unternehmen mit sehr reifen Screening-Setups ein. Bei einem großen Industriekonzern war die False-Positive-Quote von 7 auf 2 Prozent gefallen, und trotzdem blieb erheblicher Prüfaufwand. Das Team wünschte sich „etwas, das über dem Screening läuft“ und Muster erkennt, etwa: „Diese Partei hatten wir schon einmal.“
Das ist eine wichtige Unterscheidung. Nicht immer liegt das Problem am Screening. Die Lücke entsteht danach, dort, wo die eigentliche Sorgfaltsprüfung stattfindet: die richtigen Informationen zusammentragen, über Fälle und Prüfer hinweg konsistent entscheiden und nachvollziehbar festhalten, warum. Ein Group Legal Counsel Trade Compliance bei einem globalen Telekommunikationskonzern beschrieb ein Werkzeug für diese Phase als etwas, das „ein Kästchen abhakt, das es heute noch gar nicht gibt“.
Aus diesen Erkenntnissen ergibt sich der Fokus von Adjuvanto auf die Untersuchungs- und Entscheidungsphase der Sanktionslistenprüfung.
Über die Untersuchung
Die Ergebnisse beruhen auf Gesprächen mit 68 Praktikern aus der Trade Compliance. Die Untersuchung war qualitativ angelegt und ist nicht als repräsentative statistische Erhebung zu lesen. Namen von Gesprächspartnern und Arbeitgebern wurden entfernt, die Beispiele sind nur nach Branche gekennzeichnet.
Über Adjuvanto
Adjuvanto ist ein Münchner Softwareunternehmen für Trade Compliance. Die Plattform deckt den gesamten Ablauf ab: Geschäftspartner gegen Sanktionslisten prüfen, mögliche Treffer untersuchen und die Entscheidung dokumentieren. Die meisten Screening-Tools enden beim Treffer. Adjuvanto setzt genau dort an, in der Untersuchungs- und Entscheidungsphase, in der Compliance-Teams den größten Teil ihrer manuellen Arbeit leisten. Das Unternehmen arbeitet mit europäischen Exporteuren und Herstellern. Mehr unter www.adjuvanto.com
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